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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. April 2008 (Seite 3)
Wettlauf ums BernsteinzimmerSuche konzentriert sich auf Mitteldeutschland – neue Anläufe bei Schlema und in DeutschneudorfVon ANDREAS DEBSKILeipzig. Es ist eine Geschichte, wie man sie nicht besser erfinden könnte. Sie hat einfach alles: Einen Schatz, dazu Geheimbünde und jede Menge Verschwörungstheorien. Kaum ein zweites Kunstwerk hat in den vergangenen 63 Jahren so viele Jäger angezogen, so viele Buchseiten und Filmmeter gefüllt wie das Bernsteinzimmer. Es scheint, als würden die Sucher dem Schatz immer näher kommen – und alles konzentriert sich auf den mitteldeutschen Raum. Doch tritt der Wettlauf wirklich in die entscheidende Phase? In Deutschneudorf ist die Antwort ganz klar: Ja. Allerdings mag sich Bürgermeister Hans-Peter Haustein (FDP) nach dem Goldrausch des Monats Februar nicht festlegen lassen: „Erst wenn die Bagger anrücken, wird es ernst.“ Zumindest unternimmt er seit Mittwoch zusammen mit Geophysikern unter anderem von der Universität Leipzig einen weiteren Anlauf, das Bernsteinzimmer – oder andere edle Güter – zu orten. Nach mehreren Erfolgsmeldungen und ebenso vielen Rückziehern ist man an der deutsch-tschechischen Grenze vorsichtig geworden. „Nach Gesprächen mit den Wissenschaftlern muss ich zugeben: Wir waren zu blauäugig“, sagt Hans-Peter Haustein. Dennoch steckt der Bundestagsabgeordnete und Unternehmer abermals eine fünfstellige Summe in die Suche – „weil ich weiß, dass wir etwas finden“. Langjährige Jäger des Bernsteinzimmers meinen allerdings: Aufgrund der Kriegslage und der Truppenstellung im April 1945 sei es gar nicht mehr möglich gewesen, den Schatz in diesen Winkel des Nazi-Reiches zu transportieren. Doch das osterzgebirgische Deutschneudorf ist längst nicht der einzige Ort, an dem das Bernsteinzimmer versteckt sein soll. Auch wenn Hans-Peter Haustein den Fokus in den vergangenen Monaten geschickt auf seine Gemeinde lenkte. Seit dem Verschwinden kurz vor Kriegsende gibt es die verschiedensten Theorien, wo das Kunstwerk abgeblieben sein könnte – allesamt mehr oder weniger glaubhafte Thesen. Sofern man nicht Maurice Philip Remy anhängen möchte, der es zu einem Mythos erklärt hat und in Königsberg verbrannt glaubt. Eine Version, die seit der Wende übrigens als offizielles Ergebnis der Geschichte angesehen wird. Allerdings zweifeln nicht wenige an dieser Variante. Zumal die Spurensuche etwas Mysteriöses birgt. Widerlegt dürfte der Heimatforscher Hans Stadelmann sein, der den Schatz noch im Bunker unter dem Gauzentrum Weimar vermutete (wo das Kunstwerk Anfang April 1945 offenbar wirklich war). Auch die bis in die 90er Jahre hinein hoch gehandelten Verstecke im Jonastal (Hitlers geplante „Thüringer Alpenfestung“) und im nahen Ohrdruf, auf Schloss Reinhardtsbrunn bei Friedrichroda und auf Burg Kriebstein sind wahrscheinlich aus dem Rennen. Ein Dutzend weitere Orte – etwa Falkenstein, Augustusburg oder Merkers – sollten nach Lage der Dinge gleichfalls ausgeschieden sein. Zuletzt kam wieder einmal ein neuer Kandidat hinzu, für den sich auch die DDR-Staatssicherheit und deren Bernsteinzimmer-Beauftrager Paul Enke interessierte: Das Schloss Wermsdorf, in dessen Katakomben die Autoren Gabi Liebegall und Manfred John ein gut gebunkertes Geheimnis erahnen, das durchaus auch das sogenannte achte Weltwunder sein könnte. Allerdings nahm nach Aktenlage das MfS – und mit ihm offenbar auch der sowjetische Geheimdienst – Ende der 80er Jahre verstärkt das Westerzgebirge ins Visier. Konkret: Das Dreieck Zwickau-Oelsnitz-Schneeberg, und hier die Region Hartenstein-Schlema. Damit würde Deutschneudorf ausscheiden, das mindestens eine Lkw-Stunde entfernt liegt. Genau an dieser Stelle tritt nun Dietmar B. Reimann auf den Plan. Der Privatdetektiv stieß in Wendezeiten auf die Legende – und seitdem lässt sie ihn nicht wieder los. So geht es den meisten Jägern: Einmal mit dem Virus infiziert, kommt kaum einer wieder davon los. Der Fall Reimann ist jedoch etwas ganz Besonderes. „Auf der Suche nach dem Versteck muss man sich den historischen Hintergrund vergegenwärtigen, weshalb gerade dieses – und kein anderes – Versteck ausgewählt wurde“, erklärt der 60-Jährige. Innerhalb von anderthalb Jahrzehnten hat er stapelweise Material – unter anderem Luftbilder der US-Armee und dutzende Aussagen von Zeitzeugen – zusammengetragen, die seiner Ansicht nach nur einen Schluss zulassen: Das Bernsteinzimmer wurde in eine Höhle im Poppenwald bei Schlema und Hartenstein gebracht. Und deren Eingang hat er nun geortet. „Ich lasse Fakten sprechen“, sagt Dietmar B. Reimann, „es gibt vieles, was niedergeschrieben, erzählt und dokumentiert wurde – ich habe es nur neu interpretiert, in einen neuen Zusammenhang gestellt.“ Er hat unter anderem mit dem Chauffeur des Kommandierenden des Schatztransports gesprochen sowie mit der Nichte von Sachsens Gau-Leiter Mutschmann, die die Höhle besuchte, als das Bernsteinzimmer eingelagert wurde. Sensationell scheint zudem, dass ein Teil des Bernsteinzimmers, etwa ein Drittel, im westerzgebirgischen Kloster Grünhain versteckt gewesen sein soll, was die Sowjetarmee relativ schnell entdeckte. Vielleicht hat Boris Jelzin deshalb 1991 als russischer Präsident vielsagend behauptet: Wir wissen, wo das Bernsteinzimmer ist – und sich danach schnell auf die Zunge gebissen. Ähnlich hatte sich auch der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel geäußert – und später ebenfalls geschwiegen. Bei seinen Recherchen ist Detektiv Reimann darauf gestoßen, dass die Geschichte des Versteckes in der Geschichte selbst zu suchen ist. Und diese dreht sich – kurz gesagt – um das auf Restauration sinnende Haus Hohenzollern und einige Vertreter mehr aus dem deutschen Hochadel, einen Geheimbund aus der Aufklärungszeit namens Illuminatenorden und den Geheimdienst Organisation Konsul aus den 20er Jahren (Rathenau- und Erzberger-Mord). „Das Verschwinden des Bernsteinzimmers ist nur ein kleiner Teil eines größeren Zusammenhangs – es geht um viel mehr: um den Hohenzollernschatz, um die Wiederherstellung der Macht.“ Seit 1996 hat Reimann, der inzwischen gemeinsam mit einem dafür gegründeten Verein sucht, die Erlaubnis, im Poppenwald nachzuforschen. Die Ergebnisse und seine Thesen hat er bereits in drei Büchern publiziert. Reich würde übrigens wahrscheinlich keiner der Finder, so wollen es die Gesetze. Auch wenn der Schatz einen unermesslich hohen ideellen Wert hat. Für Dietmar B. Reimann zählt nur eines: „Ich möchte, dass sich meine Theorie bewahrheitet, dass ich Recht behalte. Geld ist dabei nicht ganz so wichtig.“ Insgeheim hofft allerdings wohl jeder Jäger des Bernsteinzimmers, alsbald ausgesorgt zu haben – wenigstens durch die Vermarktung seiner Geschichte. |