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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. Januar 2008 (Printausgabe - Seite 4)
© Leipziger Volkszeitung

Achtes Weltwunder in Wermsdorf?

Heiße Spur des Bernsteinzimmers führt auf Schloss Hubertusburg

Von ANDREAS DEBSKI

Wermsdorf. Eigentlich sollte es nur eine Urlaubslektüre sein. Etwas Spannendes, etwas zur Entspannung. Damals, im Sommer 1987. Manfred John, Bauingenieur aus Wermsdorf, wollte mit seiner Frau in Thüringen auf der Saale paddeln, den „Bernsteinzimmer-Report“ von Paul Enke im Gepäck. Doch man ahnt es schon: Zum Paddeln kam Manfred John kaum. Die Lektüre führte ihn über einen von den Alliierten abgefangenen Funkspruch auf eine Fährte des Bernsteinzimmers, die zum Schloss Hubertusburg in seiner Heimatstadt wies – der Denkmalpfleger und Hobby-Historiker war vom Schatzsuchervirus infiziert. In Wendezeiten steckte sich auch die Journalistin Gabi Liebegall, Redakteurin dieser Zeitung in Oschatz, an. Seither forschen beide über die unterirdischen Gänge des Barockschlosses, verfolgen den mutmaßlichen Weg des achten Weltwunders, wie das Bernsteinzimmer auch genannt wird. Ihre These: Das mit Geld nicht aufzuwiegende Kunstwerk, oder zumindest Teile davon, könnte in den Wirren des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges tatsächlich in Wermsdorf begraben worden sein. Die Ergebnisse ihrer Recherchen präsentieren beide jetzt erstmals in einem Buch.

„Wir sind am Ende unserer Kraft, haben weder eine Lobby noch das nötige Geld. Nun hoffen wir, dass von irgendwoher Hilfe kommt – denn wir wollen in die Kellergänge hinein“, erklärt die 52-jährige Journalistin. Gabi Liebegall stellt zugleich aber klar: „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen und schreiben auch nicht die Geschichte des Bernsteinzimmers ein weiteres Mal auf.“ Doch die Beweiskette scheint erdrückend. Die Autoren haben in dutzenden Archiven recherchiert – von Kaliningrad, über Berlin, Dresden und Leipzig bis nach Wien und Washington. Und je länger sie forschten, desto mehr kristallierte sich heraus: Das einstige Jagdschloss von August dem Starken birgt ein Geheimnis, möglicherweise ein sehr kostbares.

Der 66-jährige John, von 1965 bis 1987 Technischer Leiter in den damaligen Kliniken Hubertusburg, kannte Paul Enke noch persönlich. Dazu muss man wissen: Enkes Buch war nicht nur das einzige über das Bernsteinzimmer in der DDR, der Autor war auch der von der Staatssicherheit abkommandierte Bernsteinzimmer-Jäger des Landes. Nach Veröffentlichung seines „Reports“ wurde er mit unzähligen Hinweisen überschüttet – auf den von Manfred John reagierte der Geheimdienstler aber sofort. Kaum, dass der Wermsdorfer eine Nachricht für ihn im Verlag hinterlassen hatte, stand Enke in der Tür, wollte nach einer ersten Besichtigung kurz darauf noch einmal mit einer Spezialsonde aus Japan, der einzigen ihrer Art in der DDR, wiederkommen. „Doch dazu kam es nicht. Paul Enke starb im Dezember 1987, wenige Tage, nachdem er mich besucht hatte“, sagt Manfred John. Über Enkes Tod gibt es bis heute die wüstesten Spekulationen. Die baulichen Ungereimtheiten von Schloss Hubertusburg blieben. So gibt es beispielsweise Gänge, wo keine Gänge sein dürften, sind Kellerzugänge offenkundig Mitte des 20. Jahrhunderts vermauert worden, tauchen Gewölbe in keinem Bauplan auf. „Es gibt so viel, was nicht zu erklären ist – oder nur dadurch, dass jemand im Nachhinein etwas verbergen wollte“, sagt Gabi Liebegall.

Die Journalistin und der Bauingenieur hätten ihre Theorie wohl sehr weit hergeholt, wären die steinernen die einzigen Zeugen. Doch sie sind es eben nicht. Akribisch fügen beide ein Puzzle zusammen, aus dem schließlich Hubertusburg – inzwischen im Besitz des Freistaates Sachsen – entsteht. Und sie verfolgen die Spuren von Männern, die in den letzten Kriegswochen etwas mit dem Bernsteinzimmer zu tun hatten, es begleiteten – sich größtenteils auch kannten und immer wieder über den Weg gelaufen sein müssten. Unter anderem in Wermsdorf, in Hubertusburg, das Reservelazarett und Fliegerschule war.

Da ist beispielsweise Albert Popp, Chef des Fliegerkorps Sachsen, Neffe von Gauleiter Martin Mutschmann – und Begleiter des Bernsteinzimmer-Transports nach Sachsen, wo sich seine Spur in Kriebstein, nicht mal eine halbe Autostunde von Wermsdorf entfernt, verliert. Oder Gottfried Reimer, Kunstbeschaffer für NS-Größen und Sonderbeauftragter für das geplante Hitler-Museum in Linz – der aus dem nahen Döbeln stammte. Oder die Gritzbach-Brüder Georg und Erich – der eine Adjutant von NS-Reichsmarschall Hermann Göring (der das Bernsteinzimmer in Königsberg verpacken ließ), der andere bis 1944 an der Unteroffiziersschule Hubertusburg beschäftigt. Es sind nur vier von etwa einem Dutzend Involvierter. Fest steht: Es gibt einige unsichtbare Bande, die sich alle am Bernsteinzimmer treffen.

Für die Thesen von Gabi Liebegall und Manfred John, die alles andere als Glücksritter sind, interessiert sich seit einigen Jahren auch der Freistaat Sachsen. So sehr, dass der damalige Finanzminister Georg Milbradt im Jahre 2000 sogar zusätzliche Untersuchungen der Bausubstanz genehmigte, die allerdings in zu geringer Tiefe durchgeführt wurden. Die Autoren geben die Hoffnung auf präzisere Untersuchungen jedoch nicht auf: „Egal, was gefunden wird – es muss endlich ans Licht kommen.“

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Manfred John/Gabi Liebegall: Gebunkerte Geheimnisse. Auf den Spuren des Bernsteinzimmers in Sachsen, Tauchaer Verlag, 136 Seiten, 15,80 Euro
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