Leipziger Volkszeitung vom 7. November 2000
Jagd auf Bernsteinzimmer blieb im Geröll stecken
Arbeiten im deutsch-böhmischen Grenzgebiet mussten schon nach einer halben Stunde abgebrochen werden
 
 
Katharinaberg (dpa) - Die erneute Schatzsuche nach dem legendären Bernsteinzimmer musste am Montag im deutsch-böhmischen Grenzgebiet schon nach einer halben Stunde abgebrochen werden. Wann immer sich der schwere Bagger am tschechischen Nikolaistollen ins Erdreich grub, und eine Schaufel voll Geröll zu Tage förderte, rutschte vom Hang die doppelte Menge nach.

Trotzdem ließ der Deutsch-Amerikaner Helmut Gaensel, schon fast besessen von der Suche nach dem Bernsteinzimmer, wieder und wieder Steine, Wurzeln und Erde beiseite räumen. Schließlich gab er entnervt auf, als der Bagger in der engen Senke vor lauter Geröll seinen Greifarm kaum mehr bewegen konnte.

   «Wir machen morgen oder in den nächsten Tagen weiter», sagt er. Erst müsse der Trichter um den verschütteten Stollen bei Katharinaberg (Hora Svate Kateriny) gesichert werden. Dann könne die Schatzsuche weiter gehen, erklärt er den rund 30 enttäuscht dreinschauenden Journalisten und Kamerateams aus Tschechien und Deutschland.

   «Ich weiß nicht, was ich finden werde», gesteht Gaensel. Kisten auf jeden Fall, glaubt er. Mit unbekanntem Inhalt. Vielleicht Kunst, vielleicht anderes Wertvolles, vielleicht das Bernsteinzimmer. Festlegen will er sich nicht mehr. Schließlich hat Gaensel schon einmal eine Pleite erlebt, als er vor zwei Jahren wider besseren Experten-Wissens unweit der jetzigen Grabungsstelle medienwirksam vor rund 2 000 Zuschauern einen anderen Stollen zum Hort des seit 1945 in Königsberg (heute Kalinigrad) verschollenen Bernsteinzimmers erklärt hatte und Bagger anrücken ließ. Gefunden hat er dort jedoch nichts.

   Das hätte ihm Heinz-Peter Haustein, Bürgermeister des deutschen Nachbarorts Deutschneudorf, schon damals sagen können. Haustein kam zwar auch diesmal wieder zum «ersten Spatenstich» gekommen. Das Bernsteinzimmer werde Gaensel jedoch auch diesmal nicht finden, glaubt er. Haustein ist nämlich felsenfest davon überzeugt, dass das 1716 übergebene Geschenk des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. an den russischen Zaren Peter den Großen auf Hausteinschem Hoheitsgebiet und nicht auf tschechischer Seite verborgen ist.

   Der Nikolaistollen, vor dem Zweiten Weltkrieg eines der größten Besucherbergwerke des Erzgebirges, sei 1947 von den Russen durchsucht und anschließend gesprengt worden. Da sei bestimmt nichts mehr drin. Außerdem seien die Geschichten vom Bernsteinzimmer im Nikolaistollen nur Ablenkung. In Wahrheit befinde es sich im kaum bekannten Fortunastollen bei Deutschneudorf. Dieser seit 1881 aufgelassene Stollen sei bei Kriegsende verschlossen und seither nie mehr geöffnet worden, ist sich Haustein sicher: «Wir bauen von hier aus den Fortuna Erbstollen zum Schaubergwerk aus, suchen - und werden sicherlich auch etwas finden.»

   Dass auch er irren könnte, zieht er nicht in Betracht. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Bernsteinzimmer jemals gefunden wird, äußerst gering. Sicher ist nur, dass es 1941 in Zarskoje Selo bei Petersburg von deutschen Soldaten demontiert und ins Königsberger Schloss gebracht worden ist. Dort verlor sich seine Spur. Vermutet wurde das Bernsteinzimmer mittlerweile an über 100 Plätzen - vom Danziger Raum bis nach Ostsachsen. Möglicherweise ist es aber auch bei der Eroberung von Königsberg durch die Rote Armee verbrannt.


Informationen über das Bernsteinzimmer

Internet-Präsentation durch Wolfgang Wischer (Leipzig)