Biografie über Hans-Joachim Rotzsch erschienen
(Leipziger Volkszeitung vom 15. März 2000)


"Wir Salzburger geben unseren Thomaskantor nicht wieder her"
In Leipzig wegen Stasi-Tätigkeit vor sieben Jahren gefeuert - in Österreich am Mozarteum gefeiert

 

Er war bisher der einzige gebürtige Leipziger, der als Kantor dem im Jahre 1212 gegründeten Thomanerchor vorstand: Professor Hans-Joachim Rotzsch. Trotz massiver Proteste der Thomaner und deren Eltern wurde er im Sommer 1991 aufgrund ehemaliger Stasi-Tätigkeit von der Stadt entlassen. 19 Jahre lang war der Musikpädagoge künstlerischer Leiter des weltältesten Knabenchores, von 1953 bis 1966 ihr Stimmbildner. Im Oktober 1992 wurde Rotzsch zum ordentlichen Gastprofessor für evangelische Kirchenmusik an das renommierte Salzburger Mozarteum berufen. LVZ-Redakteur Günther Gießler sprach mit dem 69jährigen.

 

Frage: Ursprünglich hatte der Senat des Mozarteums mit Ihnen einen Drei-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Mittlerweile lehren Sie nun schon das sechste Jahr in Salzburg. Wann setzt sich der fast 70jährige Professor Rotzsch zur Ruhe?

 Hans-Joachim Rotzsch: Die Salzburger baten mich 1995, den Vertrag bis zum 30. Juni 1998 zu verlängern. Also wäre meine Tätigkeit am Mozarteum Ende des Monats beendet. Doch die Arbeit ist so herausfordernd und gleichermaßen erfüllend für mich, daß ich noch ein Jahr dranhängen würde. Allerdings ist darüber noch nicht gesprochen worden.

 

Frage: Fühlen Sie sich mittlerweile als Salzburger, gar als Österreicher?

 Hans-Joachim Rotzsch: So wohl ich mich hier am Mozarteum fühle, mein Zuhause ist weiterhin in der Erich-Zeigner-Allee, wo sich auch meine Frau aufhält. Ich bin Leipziger aus Überzeugung. In Salzburg wohne ich im Stadtteil Schallmoos, wo ich eine kleine Wohnung gemietet habe.

 

Frage: Am Thema "IM Johannes" führt in einem Gespräch mit Ihnen kein Weg vorbei. Vor gut sieben Jahren brachte der damalige Thomaskirchen-Pfarrer Hans-Wilhelm Ebeling die Stasi-Verstrickungen an die Öffentlichkeit. Schließlich wurden Sie als Thomaskantor entlassen. Wie bewerten Sie heute mit dem nötigen Abstand die damaligen Ereignisse?

 Hans-Joachim Rotzsch: Damals tat es mir sehr weh. Die Thomaner waren mein Leben, für den Chor habe ich alles andere zurückgestellt. Natürlich ist die Sache mit der Stasi nicht wegzudiskutieren, doch im Chor galt sie schon zu DDR-Zeiten als offenes Geheimnis. Im Frühjahr 1973 hatte mich der damalige Stadtrat für Kultur, Gehrke, ins Neue Rathaus bestellt. Dort wurde mir praktisch die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder ich unterschreibe die Verpflichtungserklärung oder meine Tage mit den Thomanern sind gezählt. Das wurde zwar nicht so brutal formuliert, aber die Zwischentöne waren unüberhörbar. Ich habe mich letzlich für den Chor entschieden. Bei Konzertreisen ins westliche Ausland "betreute" uns ohnehin immer ein Stasi-Mitarbeiter. Kontakte der Chormitglieder mit den jeweiligen Gastgebern sollten ja vermieden, Fluchtmöglichkeiten ausgeschaltet werden.

 

Frage: Ihnen wurde vom Überprüfungsausschuß des Stadtparlamentes vorgeworfen, Ihre Stasi-Tätigkeit über das "im Amt unvermeidliche Maß" hinaus ausgedehnt zu haben. Wer ist durch Sie, den "IM Johannes", zu Schaden gekommen?

 Hans-Joachim Rotzsch: Niemand. Das kann ich ruhigen Gewissens sagen. Ich habe mich mehrmals erfolgreich für Jungs eingesetzt, die wegen angeblicher Fluchtgefahr von der Reiseliste gestrichen worden waren. So auch im Sommer 1989. Der Bruder eines Thomaners hatte sich über Ungarn nach dem Westen abgesetzt. So sollte das betroffene Chormitglied die Konzertreise durch die damalige Bundesrepublik nicht mitmachen dürfen. Ich habe für den jungen Mann gebürgt, und er erhielt seinen Paß. Er konnte sogar noch einige Dokumente für seinen Bruder heimlich mitnehmen, der dann unter den Konzertgästen weilte.

 

Frage: Was ist an der Sache dran, daß vom Ministerium Margot Honeckers das sakrale Liedgut der Thomaner in ein weltliches, ja sozialistisches umgewandelt werden sollte?

 Hans-Joachim Rotzsch: Versuche gab es in den siebziger Jahren schon, den Thomanern ein weltliches Profil überstülpen zu wollen. Aber zu einem FDJ-Chor, wie von einigen Medien unsinnigerweise behauptet, wollte man uns zu keiner Zeit machen. Auch der Versuch, das Tischgebet im Alumnat abzuschaffen, schug fehl.

 

Frage: Wie sah es mit Konfirmation und Jugendweihe unter Ihnen als Thoamskantor aus?

 Hans-Joachim Rotzsch: Dafür war ich zwar nicht zuständig, aber beides war an der Thomasschule möglich, ohne jede Diskriminierung. Ich erinnere mich noch gut, daß sogar der Sohn von Landesbischof Hempel an den Jugendstunden teilnahm. Natürlich wurde er konfirmiert.

 

Frage: Warum schickten die Eltern zu DDR-Zeiten ihre Kinder in die für ihre Strenge gefürchtete Internatsschule der Thomaner?

 Hans-Joachim Rotzsch: Ich weiß nicht, wer das mit der Strenge in die Welt gesetzt hat. Bei uns ging es immer lustig zu. Sebastian Krumbiegel von den heutigen "Prinzen" durfte sich im Internatskeller sogar einen Raum für sein Schlagzeug einrichten. Und da war´s immer laut und poppig. Natürlich ist es erstrebenswert, in einem Klangkörper von Weltgeltung mitwirken zu dürfen. Doch die Motive, Thomaner zu werden, lagen auf der Hand: Abitur, gesicherter Studienplatz und Reisen in westliche Länder.

 

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, die Thomaner nochmals zu dirigieren?

 Hans-Joachim Rotzsch: Vorstellen kann man sich maches, ich habe da keine Ressentiments. Aber das Ganze wäre doch sehr wirklichkeitsfremd. Da ist einfach zuviel Atmosphärisches zerschlagen worden. Übrigens: Ich habe in Salzburg den Thomanerchor unter Georg-Christoph Biller erlebt, was mich zutiefst beeindruckte. Die Jungs gingen bis an die Leistungsgrenze, eine exzellente Vorstellung.
 
 

Frage: An den Mauern der Thomasschule ist noch immer der inzwischen verwitterte Spruch zu lesen: "Wir wollen unseren Thomaskantor wiederhaben". Berührt Sie das noch, wenn Sie daran vorbeikommen?

 Hans-Joachim Rotzsch: Von einer Episode abgesehen, die mir an die Nieren ging, regt mich das nicht mehr auf. Ich war mit Studenten des Mozarteums auf einer "Silbermann-Orgel-Tournee" durch Sachsen und Thüringen. Während des Leipzig-Besuches kamen wir auch an der Thomasschule vorbei. Dort entdeckten die Studenten den Spruch. Am Abend überreichten sie mir demonstrativ ein T-Shirt, auf dem mit großen Buchstaben stand: "Wir Salzburger geben unseren Thomaskantor nicht wieder her". Das war ein Moment, der unter die Haut ging.

 

Leipziger Volkszeitung vom 4. Juni 1998