Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 13. Mai 2003

Das Bernsteinzimmer ist fertig: Alte Pracht in neuem Glanz

St. Petersburg/Essen. So prachtvoll hat es seit Ewigkeiten kein Mensch mehr gesehen: Die genaue Rekonstruktion des legendären Bernsteinzimmers des Zarenschlosses bei St. Petersburg ist vollendet. Rund 50 Bernsteinschnitzer und Spezialisten haben in mehr als 20 Jahren mit Geschick und Geduld wieder hergestellt, was in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkrieges wohl für immer verschollen ist. Mit seinen Unterschriften hat ein deutsch-russischer Experten-Beirat heute die glanzvolle „Wiedergeburt“ des barocken Kunstwerkes aus schimmernden Bernstein-Täfelungen, vergoldeten Kandelabern und kostbaren Mosaiken offiziell dokumentiert.

Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder wollen am 31. Mai - pünktlich zum 300. Gründungsjubiläum St. Petersburgs - das Kabinett wieder der Öffentlichkeit übergeben. Das Original des Bernsteinzimmers, das 1716 der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter I. verschenkt hat, ließ Zarin Elisabeth später im Katharinenpalais vor den Toren Petersburgs zum bewunderten „Achten Weltwunder“ mit Spiegeln und Möbeln vervollkommnen. Zur nötigen Erweiterung des Kabinetts für den 100-Quadratmeter-Saal schickte der „Alte Fritz“ (Friedrich der Große) weiteren Ostsee-Bernstein an die Regentin Russlands.

Von Wehrmachtssoldaten war das Prunkzimmer 1941 abmontiert und in Kisten nach Königsberg gebracht worden. Hier verliert sich mit dem Untergang der Ostpreußen-Stadt zu Kriegsende 1945 die Spur des Bernsteinzimmers, dessen von vielen Legenden umwittertes Schicksal bis heute weder Wissenschaftler noch Geheimdienste oder zahllose selbst ernannte „Schatzsucher“ aufklären konnten. Allein für das Gebiet der früheren DDR existieren Theorien für mehr als 100 vermutete Verstecke.

Von Anfang an war das Kabinett ein Symbol deutsch-russischer Beziehungen: Vom Unterpfand guter Nachbarschaft wurde es zum Zeichen für den riesigen Verlust an Kulturschätzen, den Russland durch den Einmarsch der Wehrmacht nach 1941 erlitten hat. So war es für viele Bürger und Politiker Russlands bemerkenswert, dass mit dem Essener Energieversorger Ruhrgas AG (Nordrhein-Westfalen) ausgerechnet ein deutsches Unternehmen die durch die russische Wirtschaftskrise ins Stocken geratene Rekonstruktion des verschwundenen Schatzes mit einem Sponsoring von 3,5 Millionen Dollar wieder flott gemacht hat. „Die Kultur der Welt erhält ein Schmuckstück zurück“, kommentierte der namhafte Bremer Osthistoriker Prof. Wolfgang Eichwede die Arbeit.

Mit dem Geld aus dem Westen kam von 1999 an die Arbeit zurück in die Bernsteinwerkstatt: In den bescheidenen Gesindehäusern des Katharinenpalastes haben die Steinschnitzer mit Mini-Fräsen und Zahnarzt-Bohrern zuletzt die von Figürchen und Blumenranken gezierten Schmuck-Rahmen für die allegorischen Halbedelstein-Mosaike „Schmecken“ und „Hören“ in der Ostwand vollendet. Rund sechs Tonnen des vorsintflutlichen Baumharzes aus einem ostpreußischen Tagebau beim früheren Palmnicken sind hier vor allem zu Bernstein-Abfall und hellgelbem Fräs-Staub geworden: Jedes Kilo des „Goldes der Ostsee“ ergab nämlich höchstens 200 Gramm Bernsteinzimmer-Täfelung.

Doch nicht nur die neuen Computer, sondern auch viel Erfahrung und gehöriges Glück waren nötig, um aus mehr als 500 000 Bernsteinplättchen - meist kaum größer als eine Handfläche - die Täfelung des zehn mal zehn Meter großen Saales nachzubauen. Als Geschenk des Schicksals hatten sich nämlich alte Farb-Fotografien des originalen Bernsteinzimmers erhalten, die den findigen Handwerkern zur wichtigsten Vorlage wurden. Mit welchem Klebstoff die Bernsteinstückchen auf den Holzpaneelen zu befestigen waren und welche Substanz den Bernstein von Nussbraun bis Honiggelb einfärbte, das konnten nur Experimente auf den Spuren der alten Meister klären.

Als vor drei Jahren zusammen mit einer erhaltenen Kommode aus dem Bernsteinzimmer eines der alten Florentiner Wand-Mosaiken wieder ins Katharinenpalais zurückkam, gab es bei den Fachleuten doppelten Grund zur Freude. Das auf mysteriöse Weise in Bremen aufgetauchte Original war von der Kopie kaum zu unterscheiden und bewies aller Welt Geschick und Genauigkeit der russischen Handwerker.

Gerd Korinthenberg